Interview von Arnold Weiss mit dem FC St. Pauli
„Was wir brauchen, ist echtes Kennenlernen statt Vorurteile“
Rund um das Heimspiel gegen den FC Bayern München haben der FC St. Pauli und congstar im Rahmen des „Kein Platz für Rassismus“-Aktionsspieltages auf die Diskriminierung von Sinti und Roma aufmerksam gemacht. In dem folgenden Statement beantwortet Arnold Weiß, der Vorsitzende des Landesverein der Sinti in Hamburg e.V., einige Fragen zur Situation.
Wie werden Sinti und Roma in Deutschland wahrgenommen?
In Deutschland wird bis heute viel über Sinti und Roma gesprochen – aber viel zu selten mit uns. Genau daraus entstehen viele Missverständnisse, Vorurteile und falsche Bilder. Die Realität ist: Ein Großteil der bestehenden Vorurteile basiert nicht auf echter Begegnung, sondern auf Klischees. Man kann es klar sagen: Rund 90 Prozent dieser Bilder entstehen ohne echten Kontakt zu Sinti und Roma. Viele Vorurteile sind erlernt. Deshalb liegt es auch in der Verantwortung jedes Einzelnen, diese zu hinterfragen. Wer ständig mit Vorurteilen konfrontiert wird, wird nicht als Mensch wahrgenommen, sondern auf Klischees reduziert. Das führt dazu, dass viele Sinti und Roma ihre Herkunft verschweigen – nicht aus Scham, sondern aus Selbstschutz.
Warum ist Ihnen das Engagement in der Interessenvertretung der Sinti und Roma so wichtig?
Unsere politische Interessenvertretung ist keine Option – sie ist eine Konsequenz aus unserer Geschichte. Die Verfolgung von Sinti und Roma hat nach 1945 nicht aufgehört – sie hat nur ihre Form verändert. Eine echte Aufarbeitung hat nie stattgefunden. Viele Überlebende mussten ihr Recht selbst erkämpfen, obwohl sie alles verloren hatten – ihre Familien, ihre Existenz und jede Grundlage für einen Neuanfang. Statt Unterstützung zu erhalten, wurden sie weiterhin ausgegrenzt, erfasst und kontrolliert. Strukturen und Denkweisen aus der NS-Zeit wirkten fort. Menschen, die an der Verfolgung beteiligt waren, konnten nach dem Krieg wieder in staatlichen Institutionen arbeiten. Bis in die 2000er-Jahre – nachweislich bis 2004 – wurden Sinti und Roma weiterhin erfasst, bewertet und benachteiligt. Dass heute überhaupt Aufarbeitung stattfindet, ist vor allem dem Engagement der Betroffenen selbst zu verdanken.
Wie erleben Sie die Diskriminierung von Sinti und Roma?
Antiziganismus ist kein vergangenes Problem – er ist Teil unserer Gegenwart. Sinti und Roma erleben auch heute Diskriminierung im Alltag. Auch ich habe das persönlich erfahren – im Berufsleben, im täglichen Umgang. Manchmal unter vorgehaltener Hand, manchmal ganz offen. Das sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems.
Was erwarten Sie von der Mehrheitsgesellschaft?
Was wir brauchen, ist echtes Kennenlernen statt Vorurteile. Nicht übereinander sprechen – sondern miteinander. Wir erwarten kein Mitleid. Wir erwarten ein respektvolles Miteinander, Akzeptanz und ein gemeinsames Leben auf Augenhöhe. Denn auch wir sind Teil dieser Gesellschaft – und das seit Jahrhunderten.



